Mangelndes Wissen über Algorithmen in Online-Diensten

Trotz täglicher Nutzung wissen viele Schweizer wenig über Algorithmen in Online-Diensten. Trotz täglicher Nutzung wissen viele Schweizer wenig über Algorithmen in Online-Diensten. Bild: iStock/alexsl/UZH

    Obwohl Schweizer Internetnutzer täglich Online-Dienste nutzen, bei denen Algorithmen Suchergebnisse, Empfehlungen und Informationen auswählen, wissen sie wenig über deren Rolle und Funktion. Das führt zu Verunsicherung, Ohnmachtsgefühlen und dem Wunsch nach mehr Kontrolle, wie eine repräsentative Befragung der Universität Zürich zeigt.

    Dienste wie Google, WhatsApp, Instagram oder Netflix basieren auf algorithmischer Selektion: Sie wählen automatisiert aus, welche Inhalte uns präsentiert werden; welche Suchergebnisse, Produkte-Empfehlungen oder Werbung wir sehen. Algorithmen beeinflussen somit, wie wir die Welt wahrnehmen, und nehmen auch Einfluss auf unser Verhalten.

    «Über die Macht und Risiken von Algorithmen im Alltag wird in Medien und Politik viel spekuliert. Doch fehlen bislang umfassende empirische Befunde zu ihrer Bedeutung, auch für die Schweiz», erläutert Michael Latzer, Professor für Medienwandel & Innovation an der Universität Zürich. Erstmalige Einblicke liefert nun eine repräsentative Befragung von rund 1'200 Schweizer Internetnutzerinnen und -nutzern.

    Schweizer verwenden täglich algorithmische Selektionsanwendungen
    Internetnutzer in der Schweiz (92% der Bevölkerung) sind durchschnittlich dreieinhalb Stunden pro Tag online. Über zwei Drittel dieser Zeit verbringen sie mit Anwendungen, die algorithmische Selektion einsetzen wie WhatsApp, Instagram oder der Google-Suche. Nichtsdestotrotz erachten sie algorithmische Selektionsanwendungen als vergleichsweise unwichtig: Sie schätzen Offline-Alternativen wie Gespräche mit Freunden und Familie für ihre soziale und politische Meinungsbildung als wichtiger ein und bevorzugen sie gegenüber automatisierten Online-Empfehlungen auch wenn es um Unterhaltungsangebote wie etwa Netflix (72%) oder den Kauf von Produkten und Dienstleistungen (74%) geht. «Die hohe Nutzung von algorithmischen Diensten alleine sollte nicht zu voreiligen Schlüssen über deren Einfluss auf Nutzer führen. Denn diese schätzen Offline-Alternativen in allen Lebensbereichen als wichtiger ein», so Michael Latzer.

    Algorithmen werden nur zum Teil erkannt und kaum verstanden
    Nur ein Teil der Internetnutzer erkennt algorithmische Selektion – obwohl sie täglich damit konfrontiert sind. So nehmen zwei Drittel (66%) wahr, dass Inhalte, die ihnen online angezeigt werden, denen ähnlich sind, die sie in der Vergangenheit betrachtet haben. Die Hälfte (54%) hat manchmal das Gefühl, Suchergebnisse seien spezifisch für sie sortiert. «Trotz hoher täglicher Nutzung herrscht erstaunliches Unwissen. Jeder Dritte weiss beispielsweise nicht, dass Google-Suchen mit den gleichen Suchbegriffen bei verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Resultaten führen können», sagt Latzer.

    Acht von zehn Internetnutzern wissen nicht, dass News Feeds auf Facebook und ähnlichen Diensten durch Algorithmen und nicht von dafür angestellten Personen selektiert werden. Beim Online-Shopping ist 27% nicht bewusst, dass Online-Werbung personalisiert sein kann und einem Drittel (35%) ist unbekannt, dass Firmen im Internet Bots für die Kommunikation mit Kunden einsetzen. Hinsichtlich der Fähigkeiten im Umgang mit algorithmischen Online-Diensten zeigt sich eine digitale Spaltung im Land: Jüngere, männliche und höhergebildete Internetnutzer sind diesbezüglich kompetenter und wissen mehr über die dahinterliegenden Prozesse. «Diese Internetnutzer zeigen auch ein höheres Risikobewusstsein und schützen sich öfter selbst», so Latzer.

    Trotz diffusem Risikobewusstsein schützen sich nur wenige
    Obwohl viele Schweizer Internetnutzer nicht viel über Funktion und Rolle von Algorithmen wissen, ist ein diffuses Bewusstsein über Risiken weit verbreitet, insbesondere bei höhergebildeten und älteren Personen. Die wahrgenommenen Risiken stehen allerdings im Widerspruch zu den individuellen Schutzmassnahmen. So machen sich Schweizer beispielsweise über die einseitige oder verzerrte Informationsvermittlung im Internet Gedanken (93%). Aber nur ein Viertel (25%) der Social Media-Nutzer prüft die Richtigkeit von Nachrichten in ihrem News Feed, indem sie zusätzliche Quellen konsultieren. 95% denken zumindest gelegentlich über mögliche Verletzungen der Privatsphäre im Internet nach, und 79% wissen, dass ihre Daten für Unternehmen wie Google oder Facebook von Interesse sind. Trotzdem passen nur 32% die jeweiligen Datenschutzeinstellungen an. Nur die Hälfte (50%) verweigert ausserdem Apps bestimmte Rechte auf ihren mobilen Geräten oder löscht Cookies oder ihren Browserverlauf (47%).

    Geringes Vertrauen, Kontrollverlust, Resignation und Wunsch nach Kontrolle
    Generell ist das Vertrauen in algorithmische Online-Dienste in der Schweiz gering. Nur ein Viertel der Internetnutzer (27%) gibt an, dass sie Online-Diensten vertrauen, und lediglich 14% halten die meisten Informationen im Internet für vertrauenswürdig. Sechs von zehn (59%) würden sozialen Medien wie Facebook und Instagram keinen Einfluss auf Themen erlauben, die für sie wichtig sind. Eine Mehrheit würde eine bessere Kontrolle, wie soziale Medien (66%) und die Google-Suche (61%) funktionieren, begrüssen. Ein Drittel (34%) hat das Gefühl, die Kontrolle über ihre Daten im Internet komplett zu verlieren und ein bedeutender Teil der Schweizer Internetnutzer hat gar resigniert: Sechs von zehn glauben akzeptieren zu müssen, dass es im Internet sowieso keine Privatsphäre mehr gibt und 28% versuchen gar nicht mehr, die Funktionsweise von Diensten wie der Google-Suche zu verstehen. Latzer erläutert: «Diese Ergebnisse sind Ausdruck eines in der Schweiz verbreiteten Bedürfnisses nach mehr Selbst- und Fremdkontrolle über diese Dienste.»

    Cyberoptimismus ist in der Schweiz ungebrochen
    Dennoch sind mehr als acht von zehn Nutzer (84%) froh, dass es das Internet gibt und zwei Drittel (67%) finden, dass das Internet gut für die Gesellschaft ist. Dieser Cyberoptimismus ist bei Menschen mit mittlerem oder hohem Bildungsniveau sowie bei Männern ausgeprägter. «Die Bilanz der Schweizer Internetnutzerinnen und -nutzer bleibt positiv», schliesst Michael Latzer aus den aktuellen Ergebnissen der UZH-Studie. «Doch der Wunsch nach mehr Kontrolle und Transparenz über algorithmische Online-Dienste ist ernst zu nehmen.»

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