Freiheit neu definiert: das Leben in einer KI-geführten Gesellschaft

  Daniel Rebhorn 06. April 2020
Daniel Rebhorn geht der Frage nach einer Neudefinition unserer Staatsformen, der Wirtschaftssysteme und auch der Kooperationen zwischen Mensch und Maschine nach. Daniel Rebhorn geht der Frage nach einer Neudefinition unserer Staatsformen, der Wirtschaftssysteme und auch der Kooperationen zwischen Mensch und Maschine nach. Bild: Daniel Rebhorn

    Falsch verstandenen Prinzipien der Freiheit ablegen – jetzt Zukunftsphilosophen Daniel Rebhorn zeichnet die mutige Utopie einer neuen Gesellschaftsform.

    Über Freiheit wird in Zeiten von Corona viel diskutiert, geschrieben – und im Bestfall auch nachgedacht. Seine Freiheit gibt der Mensch nur ungern her… Dennoch wurden einschneidende Massnahmen vorgenommen: Der Staat reglementiert, kontrolliert und schränkt Menschen mitunter massiv ein. Die Freiheit, so sagen manche, ist längst mit dem Virus infiziert. Doch haben wir bisher möglicherweise unter völlig falsch verstandenen Prinzipien der Freiheit gelebt? Und eröffnet uns die Krise eine Neudefinition von Freiheit – und damit neue Chancen für die Zukunft? Sprechen wir am Ende von einem heilsamen Schock? Ein Essay des Zukunftsphilosophen und Gesellschaftsvordenkers Daniel Rebhorn, der sich mit seiner Utopie als mutiger Modellbauer einer neuen Gesellschaftsform zeigt.

    Nicht nur einzelne Aspekte des Lebens verändern sich, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes unterzieht sich einer grossen Veränderung. Ich bin auf Spurensuche nach einem Lösungsmodell gegangen, das aus einer völlig anderen Idee erwächst. Und traue mir eine Denkweise zu, die bisher unausgesprochen blieb: die komplette gesellschaftliche, wirtschaftliche und staatspolitische Entscheidungsfindung wird an Künstliche Intelligenz übergeben…

    Aktive Umgestaltung unserer Gesellschaft
    Hat unser heutiges Verständnis von Freiheit noch eine Zukunft? Das Feingefühl für die Mitmenschen wird immer kleiner und gleichzeitig nimmt die Egozentrik in der Bevölkerung zu. Das können wir im Strassenverkehr beobachten oder im Umgang mit Lehrern. Die Freiheit des Einzelnen ist in unserem Grundgesetz verankert – zusammen mit der wichtigen Einschränkung, dass diese dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt. Die Etablierung von Freiheit für alle Menschen war ohne Zweifel eine signifikant wichtige Errungenschaft der letzten Jahrhunderte. Erst das Verständnis darüber, dass Freiheit zu mehr Gerechtigkeit führt, brachte Gesellschaften dazu, sich von feudalen, diktatorischen oder anderen repressiven Systemen zu lösen. Die Vorstellung von persönlicher Freiheit hat enorme Bewegungen freigesetzt mit dem Ergebnis, dass wir in relativ vielen Teilen der Welt heute weitgehend ausbalancierte Gesellschaften vorfinden.

    Doch das Leben hat sich massiv verändert: Mit mehr als sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde und einem stetigen Wachstum gibt es nur noch wenig Raum für den Einzelnen. So treffen wir mit unserer Freiheit logischerweise sehr viel schneller auf Mitmenschen und deren persönliche Freiheitsbereiche. Das führt viel häufiger zu Konflikten. Gleichzeitig ist in vielen Bereichen zu sehen, dass wir es mit einem falsch verstandenen Prinzip der Freiheit zu tun haben, das nicht mehr zeitgemäß erscheint.

    Jeder hat seine eigenen Interessen
    Wie kann ein zukünftiges Gesellschaftssystem aussehen, das einerseits die Individualität des Einzelnen weiterhin als Priorität betrachtet und andererseits den Fokus auf die Gesellschaft, sogar auf die gesamte Menschheit umlenkt? Die Antwort darauf liegt nicht in den Menschen selbst. Denn unsere Natur und ein wesentlicher Bestandteil unserer Evolution ist es, dass der Menschen auf das eigene Wohl und Überleben ausgerichtet ist. Das alles passiert hierzulande im Rahmen einer Demokratie. Denn landläufig herrscht das Verständnis, dass dieses System die Partizipation aller Bürger ermöglicht. Diese Gesellschaftsform soll für einen Ausgleich der individuellen Interessen und der Gemeinschaft sorgen. In der Realität allerdings zeigt sich die Problematik, dass in demokratischen Systemen immer ziemlich viele Menschen agieren – und jeder hat seine eigenen Interessen, die es aufrecht zu erhalten und durchzusetzen gilt. Alles ist auf einen Konsens hin orientiert, was die Durchsetzung von wichtigen Entscheidungen in der notwendigen Geschwindigkeit nicht mehr adäquat ermöglicht.

    Ein brauchbareres Modell für eine neue Gesellschaftsform und -führung finden wir in der und durch die Digitalisierung. Das Zeitalter der Digitalisierung verändert die Arbeit und das Leben aller Menschen und sorgt vor allem dafür, dass auch Menschen mit höherem Bildungsgrad eine unsichere Zukunft in ihren heutigen Arbeitsumfeldern haben. Die anstehende Veränderung benötigt Antworten nicht für das übliche „Fabrikarbeiter“-Szenario, sondern vor allem für alle anderen Branchen und Berufszweige.

    Neudefinition unserer Staatsform und der Wirtschaftssysteme
    Die Digitalisierung kann als relevanter Bestandteil für die Umgestaltung unserer Gesellschaft aktiv genutzt werden. Hierbei spielt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) eine wichtige Rolle: Was wäre, wenn zukünftig anstatt menschlicher Eliten in Politik, Gesellschaft und Ökonomie die Künstliche Intelligenz für uns alle Entscheidungen trifft? Wenn die Maschine berechnet, was die Menschheit in welchem Mass braucht und bekommt – logisch, unvoreingenommen und vor allem nicht korrumpierbar? Kommen wir zu einem gerechteren Staats- und Lebensmodell, wenn das typisch menschliche Machtstreben einer neuen Version von Gerechtigkeit weicht? Und was bedeutet das im Gegenzug für unsere Freiheit, unsere Bildung und unsere Arbeitsweisen? Wie sieht die Neudefinition unserer Staatsformen, der Wirtschaftssysteme und auch der Kooperationen zwischen Mensch und Maschine aus? Wie können wir durch den Einsatz von Rechnerkapazitäten Freiheit und womöglich sogar Recht personalisieren? Und könnte so ein Konzept die Menschheit in Richtungen von „Metropolis“, „1984“, „Matrix“ oder „Terminator“ driften lassen? Diese Vergleiche tauchten doch recht häufig auf.

    Leben in einer KI-geführten Gesellschaft
    Bei aller Skepsis und allem Misstrauen bin ich davon überzeugt, dass wir zukünftig in einer KI-geführten Gesellschaft leben sollten – das ist unsere einzige Chance zum Überleben. „So möchte ich aber nicht leben!“ – dieses Gefühl kann ich gut nachvollziehen, erst recht, wenn wir über die Konsequenzen einer solchen Utopie nachdenken. Denn die grösste Veränderung wäre ein notwendiger massiver Einschnitt in die persönliche Freiheit – und genau von diesem Gedanken komme ich ja her. Seine Freiheit gibt der Mensch nur ungern her. Der Gedanke daran ist schmerzvoll und bewirkt weit mehr Abneigung, als die Chance auf den Zugewinn für etwas Positives und Neues auf den ersten Blick leisten kann. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, was die Alternative zu einer drastischen Veränderung ist. Können oder sollten wir so weitermachen wie bisher oder gibt es hierfür bessere Alternativen?

    Seine Freiheit gibt der Mensch nur ungern her
    Allein der Mensch hat Gefühle und unverwechselbare Eigenschaften wie Empathie, Mitgefühl, Liebe, sogar einen Sinn für Nächstenliebe, Gemeinwohl und Hilfsbereitschaft. Aller Voraussicht nach kann eine Maschine so etwas in dieser Form und Intensität niemals entwickeln. Doch vergessen wir dabei nicht, dass der Mensch auch Eigenschaften wie Wut, Hass, Selbstliebe, Sadismus, Rücksichtslosigkeit, Machtbesessenheit und Egoismus sein Eigen nennt – und diese existieren ebenso schwer vorstellbar in einer Maschine. So bleibt mir die Hoffnung, in der Utopie, die ich „Digitalismus“ nenne, einen Weg gefunden zu haben, der den Menschen weiterhin ihre Gefühle und individuellen Eigenschaften belässt und gleichzeitig eine Grundlage für eine neue Form des fairen Zusammenlebens schafft. Sich die Vorteile der Künstlichen Intelligenz zu Nutze machen und daraus eine neue und vor allem zukunftsfähige Form der Gesellschaft entwickeln, ist eine ungewöhnliche Antwort auf die Fragen unserer Zeit – doch sie ist eine Antwort.

    Informationen zum Autor:
    Daniel Rebhorn war früh in seiner Karriere als selbstständiger Software-Entwickler und IT-Berater für verschiedene Unternehmen tätig. Er ist Gründer und seit 1995 Managing Partner der diconium group, die sowohl Strategie- und Prozessbegleitung als auch Digital Analytics, Digital Commerce und Content-Aggregation anbietet. Vor diesem Hintergrund befasst sich der Zukunftsphilosoph und Gesellschaftsvordenker intensiv mit dem Thema der Digitalisierung. Die tiefen Einblicke, Erfahrungen und Prognosen – auch für eine mögliche neue Gesellschaftsform – verarbeitet er in Fachbeiträgen. Sein Buch "Digitalismus - Die Utopie einer neuen Gesellschaftsform in Zeiten der Digitalisierung" ist im Verlag Springer Gabler erschienen.

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