Drogenhandel im Darknet

14. Februar 2019
Prof. Dr. Heino Stöver, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF) Prof. Dr. Heino Stöver, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF) Bild: Francisco Peralta Torrejón

    Was ändert sich, wenn der Endkunde seine Drogen online im Darknet bestellt? Wer hat Zugangsmöglichkeiten und welche Zielgruppen nutzen den Online-Handel? Was bedeutet der neue Vertriebsweg für die Drogenhilfe und deren schadensminimierende Ansätze (Harm-reduction)?

    Welche neuen Schwierigkeiten entstehen bei der strafrechtlichen Verfolgung? Prof. Dr. Heino Stöver, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), befasst sich mit dem neuen Vertriebsweg für illegale Drogen und leitet für die Drogenpolitik und -hilfe wichtige Erkenntnisse ab. Er ist sich sicher, dass der Anteil, den das Darknet-Angebot beim Drogenhandel ausmacht, steigen wird. Auf der Basis der Analyse der Bedeutung des Darknets für den Handel mit illegalen Drogen setzt Stöver auch hier auf die – aus seiner Sicht dringend notwendige – Neuorientierung der Drogenpolitik: Regulierung statt Repression.

    Wichtig sind Stöver unter anderem die Entkriminalisierung der Konsumenten und dass sich Träger von Drug-Checking-Angeboten – also Angeboten, die Interessenten helfen zu klären, welche Inhaltsstoffe eine Droge enthält, welchen Reinheitsgehalt sie besitzt und welche Gesundheitsrisiken sie in sich birgt – nicht strafbar machen. „Die neuesten Zahlen des Bundeskriminalamtes aus 2018 machen deutlich, dass sogenannte konsumnahe Delikte den grössten Teil der sogenannten Rauschgiftkriminalität ausmachen (77,3 %). In der polizeilichen Realität werden also trotz der immer wieder durch die Verantwortlichen in den Polizeibehörden verkündeten Zielsetzung der Bekämpfung der Organisierten Drogenkriminalität ganz überwiegend Konsumentinnen und Konsumenten Beschuldigte von Ermittlungsverfahren, die keine Opfer hervorrufen und niemanden schädigen, ausser sich selbst, was nach unserer Rechtsordnung nicht strafbar ist“, kritisiert Stöver.

    Der Handel im Darknet ist hauptsächlich Endkundengeschäft: Die Drogenkonsumenten im Darknet sind in der Regel gebildet, in (Hochschul-)Ausbildung oder Beruf, verfügen über gewisse Geldmittel und meist männlich. Sie stammen fast ausschliesslich aus Industrieländern, die über gute IT-Infrastruktur verfügen. Das Darknet beliefert also hauptsächlich die (neuen) Zielgruppe der „Partykonsumenten“. Deals unter Dealern verlagern sich bislang weniger auf das illegale Internet.

    Die ohnehin bereits erheblich vorhandenen Schwierigkeiten der strafrechtlichen Verfolgung von Drogendelikten werden noch weiter zunehmen, wenn sich der Drogenhandel mehr und mehr online abspielt, prognostiziert Stöver. Ein großes Problem sieht Stöver zudem darin, dass der Zugang zu Drogen auch für Minderjährige durch das Darknet noch deutlich erleichtert wird. Gerade die jungen Menschen bringen das technische Verständnis auf, wie man sich hier Zugang verschafft und weitgehend anonym bleibt.

    Im Sinne von Harm-reduction, also Schadensminimierungsansätzen, sieht Stöver im Vergleich zum klassischen Strassenhandel allerdings „Vorteile“ im Onlinehandel: Drogen werden dort in einer besseren Qualität angeboten, da Konsumenten den Händler und die Ware bewerten und andere User diese Bewertungen einsehen können. Die Gefahr, dass dauerhaft gestreckte Ware angeboten wird, sinkt deshalb deutlich.

    Stöver ist Mitherausgeber sowie einer der Autoren des Sammelbands „Drogen, Darknet und Organisierte Kriminalität – Herausforderungen für Politik, Justiz und Drogenhilfe“. Der Band stellt die erste umfassende Publikation zu dieser Thematik im deutschsprachigen Raum dar. Die Beiträge basieren auf politikwissenschaftlichen, soziologischen und kriminologischen Forschungserkenntnissen, juristischen Analysen sowie Erfahrungen aus der Praxis. Der Band mit Beiträgen in deutscher und englischer Sprache und interdisziplinärer Ausrichtung macht deutlich, dass das noch junge Phänomen der anonymen Drogenmärkte im Internet eine vielschichtige Herausforderung darstellt.

    www.frankfurt-university.de/isff

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