Mittelstand droht eine digitale Zweiklassengesellschaft

09. April 2018
Andreas Bodenmann, Chief Digital Officer von Ey in der Schweiz Andreas Bodenmann, Chief Digital Officer von Ey in der Schweiz Bild: EY

    Auch für den Schweizer Mittelstand schreitet die Digitalisierung ungebremst voran. Vor allem erfolgreiche Unternehmen messen der digitalen Technologien eine hohe Bedeutung bei. Gleichzeit weitet sich die Schere zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Betrieben in der Schweiz weiter. So drohen sogenannte Low Performer den Anschluss zu verlieren.

    Branchenübergreifend spielt Digitalisierung inzwischen bei zwei von drei Schweizer Unternehmen (66 Prozent) eine mittelgrosse bis sehr grosse Rolle. Vor zwei Jahren gaben dies nur 45 Prozent der Betriebe an. Auch künftig, dürfte sich dieser Trend weiter abzeichnen, fast neun von zehn Betrieben erwarten eine steigende Bedeutung digitaler Technologien; vor zwei Jahren waren es nur ein Viertel. Besonders gross ist die Bedeutung digitaler Technologien dabei im Bereich Life Sciences und bei Dienstleistern, deutlich geringer hingegen in der Bau- und Energiebranche.

    «Die digitale Zweiklassengesellschaft zeichnet sich schon seit einigen Jahren ab. Bei vielen unserer Kunden sehen wir, dass erfolgreiche Unternehmen längst die Chancen digitaler Technologien in ihr tägliches Geschäft implementiert haben. Gleichzeit sehen wir im Schweizer Mittelstand, dass immer noch viele Unternehmen abwarten und zögern die notwendigen Investitionen zu tätigen. Die ausbleibende Digitalisierung bei diesen Unternehmen kann sich schnell rächen und teilweise sogar die Existenz in Gefahr bringen, wenn die Unternehmen den Anschluss an den Wettbewerb verlieren oder unerwartet neue innovative Konkurrenten auftauchen.» Kommentiert Andreas Bodenmann, Chief Digital Officer von Ey in der Schweiz die aktuelle Marktsituation.

    Kundenbeziehungen stehen für KMU an oberster Stelle
    «Der Schweizer Mittelstand hat zum grossen Teil die Herausforderung verstanden und steht der Digitalisierung offen gegenüber», stellt Bodenmann fest. «Wir sehen bei unseren Kunden, dass viele Unternehmen ihre Prozesse optimiert haben und – besonders hinsichtlich Kundenbeziehungen – digitale Technologien nutzen. Sie passen sich flexibel an neue Herausforderungen und modernisieren auch ihre eigenen Unternehmensabläufe.» Nebst Kundenbeziehungen (68 Prozent) spielen digitale Technologien für Schweizer KMU vor allem bei der Nutzung mobiler Endgeräte mit 57 Prozent sowie bei dem Verkauf und Bezahlung ihrer Produkte (52 Prozent) eine grosse Rolle.

    Grossunternehmen bei Digitalisierung deutlich vorne – KMU fehlt das Geld
    Auch wenn ein Trend zur Akzeptanz zu sehen ist, tun sich insbesondere kleinere Mittelständler noch schwer. Digitale Technologien sind für die Geschäftsmodelle grösserer Unternehmen im Durchschnitt deutlich bedeutsamer. Während mehr als drei von vier Unternehmen mit Jahresumsätzen von mehr als 100 Millionen CHF digitalen Technologien eine mittelgrosse bis sehr grosse Bedeutung zumessen, liegt der Anteil bei kleineren Unternehmen bei nur 63 Prozent.

    Kleineren Unternehmen fehlen oft die Mittel, um ihre Produktion oder ihren Vertrieb umzustellen. Über 70 Prozent der Befragten sehen zwar keine grundsätzlichen Hindernisse, um in digitale Technologien zu investieren, allerdings hemmen begrenzte finanzielle Möglichkeiten 14 Prozent der Befragten dringend nötige Investments zu tätigen. 10 Prozent fehlt es an Know-how und 9 Prozent an qualifizierten Mitarbeitenden. Bodenmann kommentiert abschliessend: «Viele Mittelständler können durch Digitalisierung in der Tat Geld, Zeit und Ressourcen sparen. Wenn es KMU an Geld und Personal fehlt, müssen sie ihre Flexibilität nutzen und – beispielsweise in Form von Kooperationen mit Forschungseinrichtungen – kreativ werden, um trotzdem mit der voranschreitenden Digitalisierung Schritt zu halten.»

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